1.2.2008

Presse

Wir dokumentieren hier die Presseinformation der "Autonomen Antifa Karlsruhe" vom 1. Februar 2008, die Hintergrund-Information zur Presse-Mitteilung des AAKA unter dem Titel "Von Rechtsextremen organisiertes Konzert in Karlsruhe findet nicht statt" enthält.


Presseinformation der "Autonomen Antifa Karlsruhe"

1. Februar 2008

Karlsruhe: Neonazi-Konzert als "Böhse Onkelz"-Party getarnt

Als "Große Böhse Onkelz Nacht" versuchten bekannte Neonazi-Kader aus der Region Karlsruhe am 16. Februar 2008 eine rechtsextreme Veranstaltung zu tarnen. Ein Aktivist des mittlerweile verbotenen Neonazi-Netzwerks "Blood and Honour" und der Anmelder des geplatzten Neonazi-Aufmarschs vom 01.12.2007 in Ettlingen wollen mit Partys in Erinnerung an die "Böhsen Onkelz" ein neues Geschäftsfeld aufbauen. Der Wirt der angemieteten Gaststätte in der Karlsruher Südstadt sagte dem Veranstalter inzwischen ab, der wiederum droht mit Schadensersatzforderungen. Zwischenzeitlich hat die Band selbst die Organisation übernommen. Dieselbe Masche konnte im November 2007 in Rastatt beobachtet werden.

In den vergangenen Tagen wurde in Karlsruhe und Umgebung auf Plakaten und Flyern intensiv für ein Konzert der "Kneipenterroristen" geworben. Die "Kneipenterroristen" sind eine Cover-Band der Gruppe "Böhse Onkelz", die Lieder spielt, die die Originalband nicht mehr im Programm hat. Auch eine Internetseite wurde eigens für die Veranstaltung eingerichtet. Eine Party in Erinnerung an die mittlerweile aufgelösten "Onkelz" wie es viele gibt?

Mitnichten. Die Veranstalter kommen aus der extrem rechten Szene um Karlsruhe und versuchen zu Profit- und Agitationszwecken ein neues Geschäftsfeld aufzubauen. Ganz im Stil der "Neuen Nazi-Generation" geben sie sich dabei heute betont unauffällig. Dieser Strategiewechsel bei der Rechten setzte ein, um unscheinbarer agitieren oder einfacher an Räume zu kommen, meint der Sprecher der Autonomen Antifa Karlsruhe, Tobias Jahnke. Für die "Große Böhse Onkelz Nacht" wurde der Wirt einer Gaststätte in der Karlsruher Südstadt Opfer einer gezielten Täuschung eines führenden Neonazis.

Einschlägig bekannter Neonazi

Hartwin Kalmus, Vize-Chef des mittlerweile verbotenen Neonazi-Netzwerks "Blood and Honour" und Aktivist der "Karlsruher Kameradschaft", fragte mehrfach an, die ca. 500 Personen fassenden Räumlichkeiten zu mieten. Im Dezember 2007 machte er dann den 16.02.08 für das Konzert der "Kneipenterroristen" fest.

Kalmus betreibt das RechtsRock-Label "Ragnarök Records" und ist Organisator bzw. Helfer bei verschiedenen Neonazi–Konzerten. Jüngst war er bei einem "Blood & Honour"-Konzert in Belgien mit einem Stand vertreten. In Karlsruhe versuchte er zuletzt im Januar 2006 ein Neonazi-Konzert zu veranstalten, das aber von der Polizei aufgelöst wurde. Im März 2007 wurde er deshalb vom Amtsgericht Karlsruhe verurteilt. Kalmus organisiert seine Konzerte üblicherweise konspirativ. Über Handy werden die Besucher zum bis zum letzten Moment geheim gehaltenen Auftrittsort geschleust. So sparen sich Rechtsextreme Ärger wegen möglicherweise volksverhetzenden Liedern und Inhalten oder Polizeikontrollen nach Waffen und ähnlichem. Knapp drei Monate nachdem die Polizei das Konzert am Rheinhafen aufgelöst hat, organisierte Kalmus auf diese Weise ein Gothic-Konzert mit der österreichischen Neonazi-Band "Der Blutharsch".

Um seine Tätigkeit als Veranstalter der "Große Böhse Onkelz Nacht" zu verschleiern und zur Umgehung der Steuer, tritt seine bei ihm wohnende Freundin Janine Bigon als Kontoinhaberin für den Kartenvorverkauf auf. Ebenfalls an der Organisation beteiligt, der Anmelder des geplatzten Neonaziaufmarschs vom 01. Dezember 2007 in Ettlingen, der Durlacher Stefan Skibinski, der die Homepage für die Veranstaltung anmeldete und verwaltete. Die "Große Böhse Onkelz Nacht" in der Karlsruher Südstadt sollte der Beginn einer ganze Reihe von "Onkelz-Partys" sein, mit denen sich die Neonazis auch ihren Lebensunteralt verdienen wollen.

Bei der langfristigen Etablierung des Geschäftsfelds sollte eine weitere Firma für "Tarnkleidung und Waffen" helfen. Angemeldet ist der Online-Shop auf den bislang unbekannten Jochen Krämer, der bei Kalmus gemeldet ist. Der Shop ist baugleich wie Kalmus' Neonazi-Versand "Ragnarök Records" und nutzt das gleiche Postfach. Der neue Shop wurde am gleichen Tag wie die Homepage zur Party angemeldet und auf der Rückseite des Veranstaltungsflyers beworben.

Erprobtes Geschäftsmodell

Nach Informationen der Autonomen Antifa Karlsruhe ist dies nicht der erste Versuch von Hartwin Kalmus, ein Geschäft in der Grauzone zwischen unpolitischer und rechtsextremer Szene zu etablieren. Schon 2005 war er im Musikclub "Alabama" in Bruchsal-Untergrombach für das Buchen von Partys und Veranstaltungen zuständig. Kurz vor der Eröffnung des Musikclubs kündigte er in "Blood & Honour"-Kreisen an, einen neuen Laden "an der Hand" zu haben. Auch damals schon als Webmaster für die Internetpräsenz des Clubs verantwortlich, Stefan Skibinski. An der Bar des "Alabama- Musikclubs" arbeitete ein weiterer führender Neonazi-Kader und langjähriger Weggefährte Kalmus' aus Zeiten der "Karlsruher Kameradschaft mit, Pablo Allgeier aus Lichtenau bei Rastatt.

Allgeier ist wie Kalmus seit langen Jahren im rechten Musikgeschäft zu Hause. Er betreibt das Label "ChaosCrewRecords" und war Herausgeber der Neonazi-Zeitschrift "Kraft durch Froide". Doch Allgeier betätigt sich weit offener politisch: Als Anmelder und Redner bei Neonaziaufmärschen, beim Versuch eine neue Gruppe namens "Nationalen Sozialisten Karlsruhe" zu gründen oder zwei Mal als Mieter von Neonazizentren. Durch öffentlichen Druck konnte er die beiden rechten Zentren in Kuppenheim und Rastatt nur jeweils knapp ein Jahr halten, trotzdem entwickelten sie sich laut Polizei Rastatt zu "Treffpunkten mit hoher Sogwirkung". Allgeier versuchte vor zwei Monaten das gleiche wie jetzt Kalmus. In Rastatt wollte er am 17. November 2007 ein Konzert mit den "Kneipenterroristen" veranstalten. Bei der Anmeldung des Konzerts beim Ordnungsamt intervenierte aber die Stadt Rastatt und verbot das Konzert aufgrund der rechtsextremen Gesinnung Allgeiers.

Doch dies wollten weder Band noch der Geschäftsführer des Veranstaltungsorts "Event Studios Rastatt", Karsten Walz, akzeptieren. Die Hamburger Band übernahm offiziell die Rolle des Veranstalters und Walz nutzte seine Kontakte zur Stadt, um sie zum Umdenken zu bewegen. Die zu diesem Zeitpunkt schon über 500 verkauften Vorverkaufskarten behielten ihre Gültigkeit, die bestehende Homepage wurde weiter genutzt und das Konzert konnte wie ursprünglich geplant stattfinden. Unter den Besuchern befanden sich nach Beobachtungen von Anwesenden über 100 bekennende Neonazis.

Laut Tobias Jahnke, Sprecher der Autonomen Antifa Karlsruhe dürfte die Veranstaltung in Rastatt als Test für das neue Geschäftsfeld gedient haben. So hingen in Rastatt Plakate, die auf eine kommende "Böhse Onkelz-Party" mit den Kneipenterroristen in Karlsruhe hinwiesen, ohne dass sie schon vereinbart gewesen ist.

Nach der Konzertabsage versuchte Kalmus den Wirt doch zu einer Durchführung der "Onkelz-Party" zu überzeugen, indem er anbot unter anderem Namen beziehungsweise mit einem anderen Veranstalter aufzutreten. Der Wirt lehnte dies entschieden ab.

Die "Kneipenterroristen" wollen das Konzert nun nach der Absage des Wirts selbst organisieren. Wie schon in Rastatt übernahmen sie vergangenen Mittwoch die im Vorverkauf abgesetzten Karten und die Homepage für die Party. Dort stilisieren sie sich als Opfer, indem sie behaupten, die Absage sei durch das "rechtsradikale und kriegsverherrlichende Liedgut" erfolgt. Der Wirt allerdings kündigte aufgrund der Person des Veranstalters.

"Gastwirte müssen aufmerksam sein"

Jahnke ruft die Gastwirte und Hallenbetreiber dazu auf, sich vom seriösen Auftreten der "neuen Neonazis" nicht blenden zu lassen: "Wer Neonazis nur mit Bomberjacke, Glatze und Springerstiefeln erwartet, erlebt ein böses Erwachen. Dieses Auftreten ist mittlerweile unter Rechtsextremen verpönt, Nazis geben und kleiden sich heute betont unauffällig." Auch die rechtsextreme Deutsche Volksunion (DVU) versuchte im Juni 2007 die Wirtsleute eines Lokals in der Karlsruher Südweststadt zu täuschen. Ihr Vorsitzender Michael Daake versuchte eine landesweite DVU-Mitgliederversammlung als private Feier zu tarnen. Antifaschistische Gruppen konnten diesen Täuschungsversuch im Vorfeld aufdecken.

Die Autonome Antifa Karlsruhe rechnet mit weiteren Versuchen von Neonazis weit über den Rand der rechten Szene heraus nicht nur finanziell Profit zu machen: "Solche Konzerte dienen wesentlich der unauffälligen Agitation mit dem Ziel, neue, junge Menschen für die Nazi-Szene zu rekrutieren. Über Musik werden auch nicht rechtsextreme Jugendliche gelockt, um sie dort mit rechter Propaganda zu konfrontieren. Dies wird umso gefährlicher, wenn jetzt sogar Waffen aus und in der rechten Szene verkauft werden. Daher gilt unser Apell hier gerade den Gastronomen sich bei der Vermietung ihrer Räumlichkeiten stärker über die geplanten Veranstaltungen zu informieren und Vorkehrungen zu treffen, dass Rechtsextremisten der Zutritt verweigert werden kann."

Hintergrund

Kneipenterroristen

Die "Kneipenterroristen" sind eine Cover-Band der Gruppe "Böhse Onkelz" die Lieder spielt, die die Originalband nicht mehr im Programm hat. Die Band aus Hamburg besteht aus Berufsmusikern, die auch in ACDC-Coverbands oder in der Band von Udo Lindenberg auftreten. Von den vielen "Böhse Onkelz"-Coverbands sind sie derzeit die gefragtesten, da sie mit der Originalband bei deren Abschiedskonzert am Lausitzring auftreten durften.

Hartwin Kalmus

Hartwin Kalmus ist schon seit vielen Jahren in gewalttätigen rechtsextremen Zusammenhängen aktiv und einer der aktivsten Neonazis in Karlsruhe. Er war von Anfang an im Umfeld der "Karlsruher Kameradschaft" aktiv, Vize-Chef Baden des mittlerweile verbotenen Neonazi-Netzwerks "Blood & Honour" und ist heute angeblich "zweiter Chef" der vermuteten "Blood & Honour"-Nachfolgeorganisation "Division 28". Er betreibt das RechtsRock-Label "Ragnarök Records" und ist Organisator bzw. Helfer bei verschiedenen Neonazi – Konzerten. Jüngst war er bei einem "Blood & Honour"- Konzert in Belgien mit einem Stand vertreten. In Karlsruhe versuchte er zuletzt im Januar 2006 ein Neonazi-Konzert zu veranstalten, das aber von der Polizei aufgelöst wurde. Im März 2007 wurde er deshalb vom Amtsgericht Karlsruhe verurteilt.

Pablo Allgeier

Pablo Allgeier gilt als "Führer" der Rastatter Kameradschaft und ist mittlerweile auch bei der NPD aktiv. Dabei nutzt er seine engen Kontakte zur mittlerweile aufgelösten "Karlsruher Kameradschaft". Er versuchte in den vergangenen Jahren immer wieder Räume für Neonazi-Zentren anzumieten (2004 Kuppenheim, 2006/07 Rastätter Münchfeldsiedlung). Er ist Anmelder und Redner bei verschiedenen Naziaufmärsche und Kundgebungen, Anti-Antifa-Aktivist und Herausgeber eines Neonazi-Fanzines.

Autonome Antifa Karlsruhe
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