17.5.2006

Infos

Ausstellungseröffnung:

"11000 jüdische Kinder - Mit der Reichsbahn in den Tod"


Am 14. Mai 2006 wurde die Ausstellung mit über 100 Besuchern eröffnet
(siehe: Ankündigung).

Wir veröffentlichen die vorliegenden Redebeiträge.



Inhalt: Dietrich Schulze VVN-BdA Karlsruhe


Dietrich Schulze

VVN-BdA Karlsruhe

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

"Holocaust auf Rädern" hat eine Tageszeitung die Reichsbahntransporte jüdischer Kinder nach Auschwitz treffend genannt.

Gestatten Sie mir, das Schicksal einer einzigen Karlsruher jüdischen Familie zu schildern - nachzulesen im Gedenkbuch für die Karlsruher Juden.

Ingrid Billigheimer, 12 Jahre, schrieb im September 1940 aus Karlsruhe einen Brief an Bekannte nach Zürich, dass es bald Zeugnisse geben würde. Sie freute sich darauf, denn im letzten Zeugnis hatte sie zehn Einsen und fünf Zweien. Doch das Zeugnis erhielt sie nicht mehr. Am 22. Oktober 1940 wurde Ingrid und ihre ein Jahr jüngere Schwester Hannelore mit den Eltern nach Gurs in den nicht besetzten Teil Frankreichs deportiert - wie alle Juden aus Baden.

Im Lager Gurs magerte Ingrid bis auf das Skelett ab - Gelbsucht - wie ihre Mutter in einem Brief notierte. Gurs wird von den Überlebenden als "Vorhölle von Auschwitz" bezeichnet.

Die Hoffnung, doch noch in die USA fliehen zu können, ging nicht in Erfüllung. Den Eltern gelang es jedoch, Ingrid und Hannelore über eine jüdische Kinderhilfs-Organisation 1942 in ein Kinderheim zu bringen. Ingrid schrieb von dort: "Hier ist es grässlich".

Im September 1942 wurden die Kinder wieder zur Mutter gebracht. Kurz darauf wurden alle drei von Gurs weggebracht - in der Woche darauf in Viehwaggons der Deutschen Reichsbahn vom Sammellager Drancy in der Nähe von Paris mit dem Transport Nr. 31 nach Auschwitz geschickt. Der Transport umfasste, wie üblich, 1.000 Juden, darunter 194 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.

Auf der "Rampe" in Auschwitz wurden zwei Männer und 78 Frauen zur Arbeit selektiert und alle anderen sofort ins Gas geschickt, darunter Mutter Billigheimer mit ihren beiden Töchtern Ingrid und Hannelore.

Von all dem, was wirklich geschah, wusste der Vater nichts. Im Dezember 1942 schrieb er: "Täglich, fast stündlich, muss ich an meine Familie denken, und je länger ich ohne ein Lebenszeichen bin, umso schlimmer wird die Angst und Sorge. Es ist eine so unmenschlich harte Probe, die zu ertragen mir fast unerträglich scheint. All mein Denken gilt nur meinen Lieben, und wenn ich nicht die Hoffnung hätte, sie wieder zu sehen, wäre mein Sein unwert."

Vater Billigheimer wurde am 7. Dezember 1943 von Drancy nach Auschwitz deportiert. Er wurde an der Rampe als arbeitsfähig selektiert und ins KZ-Nebenlager Auschwitz-Monowitz geschickt,

um für die IG-Farben zu schuften. Am 14. Februar 1944 starb er dort. "Vernichtung durch Arbeit" nennt sich das Nazi-Programm, die brauchbaren Häftlinge vor ihrem Tod noch für die Rüstungsproduktion zu vernutzen.

Dem Tod der Familie Billigheimer und dem von mehr als 1.000 anderen Karlsruher Juden haben wir uns immer wieder zu stellen.

Wenn es rechtzeitig gelungen wäre, den Faschismus zu verhindern, könnten Ingrid und Hannelore heute als 77- bzw. 76-Jährige unter uns sein.


Liebe Freundinnen und Freunde,

über Auschwitz ist alles gesagt und dennoch darf es uns nicht schwer fallen, an dieses singuläre Verbrechen der Menschheitsgeschichte, das in deutschem Namen begangen wurde, zu erinnern. Die VVN-Bund der Antifaschisten - die Organisation, in deren Namen ich hier spreche - sieht dafür vor allem drei Gründe:

1.
Auschwitz und die anderen Vernichtungslager sind beispiellos in der Geschichte. Die Ungeheuerlichkeit liegt gerade in der fabrikmäßigen, ja routinemäßigen Art und Weise der Massenvernichtung von Menschen aus rassistischen Gründen, an dem sich Deutsche aller Schichten beteiligt haben - angefangen von den befehlshabenden Nazi- und Wehrmachtgrößen und den profitlichen Industriellen bis hinunter zu dem Eisenbahnbediensteten, der die Weichen für die Transporte nach Auschwitz stellte. Die in Jahrhunderten aufgebauten und erkämpften demokratischen und zivilisatorischen Standards wurden völlig ausgelöscht. Und diese Barbarei geschah in Deutschland.
Niemals dürfen wir zulassen, dass die Einmaligkeit dieses Verbrechens durch Gleichsetzung mit anderen Verbrechen relativiert wird.

2.
Die Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Menschen begann mit der Machtübertragung an die Hitlerfaschisten. Diese konnten auf eine lange Tradition des "christlichen Abendlands" zurückgreifen, weil die Juden vorher schon zum Sündenbock gemacht worden waren. Die faschistische Rassenpropaganda stieß - von Ausnahmen abgesehen - beim "deutschen Normalbürger" auf fruchtbaren Boden, bestenfalls auf Ignoranz und Desinteresse gegenüber den Opfern. Am Ende beteiligten sich Deutsche massenhaft und völlig selbstverständlich am Mord von Juden, Slawen und Menschen in allen besetzten Gebieten, ohne dass sie besondere Schuldgefühle entwickelt hätten.

3.
Die Macht wurde Hitler übertragen - er hat sie nicht ergriffen, wie es die offizielle Geschichtsschreibung glauben machen will. Großindustrielle Kreise der Schwer- und Rüstungsindustrie und der Banken versprachen sich von Hitlers faschistischer Massenbewegung zwei Dinge: erstens die effizienteste Zerschlagung des innenpolitischen Hauptgegners, der Arbeiterbewegung und zweitens die militärische Durchsetzung der Revanche für den verlorenen Ersten Weltkrieg, d.h. Europa und die Welt erneut mit Gewalt deutschen Großmachtinteressen zu unterwerfen. Der Antisemitismus wurde dabei billigend in Kauf genommen. Das Millionenheer der praktisch kostenlosen Zwangsarbeiter aus allen besetzten Ländern war die kapitalistische Endlösung der Beschäftigungsfrage. In dieser Woche war gerade wieder eine Zwangsarbeiter-Delegation in Karlsruhe.

Der allerwichtigste Grund für unser Erinnern: "Those who cannot remember the past, are condemned to repeat it." - sagt Santayana, der spanisch-amerikanische Philosoph. "Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen."

Heute lässt die offizielle Politik es als normal erscheinen, dass sich Deutschland an einem Angriffskrieg beteiligt hat - noch dazu unter Berufung auf Auschwitz. Fast täglich kommt es irgendwo in der Republik zu Neonazi-Aufmärschen. Politik und Behörden verhindern das in den seltensten Fällen. In Karlsruhe konnten wir erst kürzlich zwei davon abwehren. Der Button - den ich hier trage mit der Aufschrift "Weiße Rose gegen braune Gewalt" ist das Zeichen unseres Widerstands. Die Aufmärsche sind keine Naturerscheinungen. Sie werden regelmäßig mit haarsträubenden Begründungen vom Bundesverfassungsgericht - angesiedelt innerhalb der Mauern unserer Stadt - genehmigt. Die Verfassungsväter waren da ganz anderer Ansicht:
"Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen."

Deutsche als Beteiligte an einem Angriffskrieg und Neonazi-Aufmärsche - das war vor 61 Jahren - nach der Befreiung von Faschismus und Krieg - völlig undenkbar. Wer so etwas vorausgesagt hätte, wäre für verrückt erklärt worden.

Antifaschismus und Pazifismus waren damals angesagt. Der deutsche antifaschistische Widerstand, so schwach er auch gewesen ist, war der eindeutige Bezugpunkt für eine politisch-moralische Erneuerung. Wie sah es in den von den Faschisten besetzten europäischen Ländern aus? Dort hatten sich innerhalb weniger Jahre breite Widerstandsbewegungen unter Einschluss von Partisanenverbänden gebildet, in deren Reihen auch Deutsche kämpften. Der Hitlerfaschismus ist unter den Schlägen der alliierten Armeen, aber auch an denen der Resistance zerbrochen. Was 1945 Realität war, das war das Europa der Resistance, der Resistenza, das Europa des antifaschistischen Widerstands.

Nur ein einziges Beispiel für dieses Klima des Antifaschismus auch in Karlsruhe: Zur Gedenkfeier für die "Opfer des Faschismus" im September 1946 riefen wie selbstverständlich folgende Organisationen und zwar in dieser Reihenfolge auf: Landesausschuß Württemberg-Baden der vom Naziregime politisch Verfolgten (VVN-BdA-Vorläufer), CDU, SPD, Demokratische Volkspartei (FDP-Vorläufer), Kommunistische Partei, Gewerkschaftsbund Württemberg-Baden (DGB-Vorläufer). Ein Jahr später war auch die Jüdische Kultusgemeinde dabei.

Heute geht die offizielle Europawoche zu Ende.

In unserem Kontext ist festzustellen, dass es zwei absolut konträre Europakonzepte gibt:

  • Das Europa der Millionäre mit erheblichem deutschen Einfluß, einer nie da gewesenen Aufrüstung, mit gemeinsamen weltweiten Interventionstruppen zur Absicherung von ökonomischen und geostrategischen Interessen - ein Europa, das sich gegen Flüchtlinge wie eine Festung abschirmt und das einen Dumpingwettbewerb um immer niedrigere Sozialstandards in Gang gesetzt hat.
  • Und das Europa der Millionen, das ein Europa des Friedens und des Wohlstands sein will, das Kriege zur Konfliktlösung ganz verbannen möchte, das soziale Mindeststandards braucht und das Flüchtlingen und ImmigrantInnen so hilft, wie damals den vor den Nazis Geflüchteten geholfen wurde - ein Europa, das an die Resistance anknüpft und jegliches Großmachtstreben ablehnt.

In jeder geschichtlichen Phase müssen sich "die da Unten" fragen und fragen lassen, inwiefern sie wegen mangelnder Zivilcourage, Trägheit, Interesselosigkeit oder Untätigkeit zu einem Zustand selbst beigetragen haben, den sie nicht wollten und dessen Folgen sie dann später erleiden und wieder beklagen werden.

Humanistische und demokratische Ideale pflegen und diese in Wort und Tat umsetzen - das ist es, worauf es ankommt.

Das Besinnen auf die universellen humanistischen Werte der Menschheit, das Besinnen darauf, dass jeder Einzelne dazu etwas beitragen kann und beitragen muss - das ist es vor allem, was uns die Bilder der deportierten jüdischen Kinder zurufen wollen.

Dietrich Schulze
VVN-BdA Karlsruhe


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