15.2.2006

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Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm:

NSDAP-Kreisleiter Worch in Karlsruhe

Großvater des Neonazi-Aktivisten Christian Worch war NSDAP-Kreisleiter in Karlsruhe

Bei der Eröffnung der Ausstellung "Neofaschismus in Deutschland" am 5.2.2006 im Luthersaal an der Lutherkirche gab es an der Stelle, als Janka Kluge an der Tafel 13 "Die Führer" auf Christian Worch zu sprechen kam, einen überraschenden Zwischenruf eines Teilnehmers. Der Teilnehmer erklärte, dass Worchs Vater NSDAP-Kreisleiter in Karlsruhe war.

NSDAP-Kreisleiter Willi Worch
am Rednerpult bei einer
Großkundgebung am 1. Mai
1939 in Karlsruhe

Eine Überprüfung ergab, dass das tatsächlich auf Worchs Großvater zutrifft. Hier ein Auszug aus dessen Lebenslauf, veröffentlicht in: Karlsruher Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Universitätsverlag Konstanz 1997, "Die Führer der Provinz" - NS-Biografien aus Baden und Württemberg im Beitrag von Manfred Koch "Überzeugter Nationalsozialist eigener Prägung" - Willi Worch, NSDAP-Kreisleiter von Karlsruhe:

"Willi Worch, geb. 26. Juli 1896 in Straßburg, evangelisch, Kirchenaustritt, Vater: Adam Worch, Schreinergeselle, Mutter: Sophie geb. Stengel, verheiratet seit 1935 mit Erika Worch, geb. Riedner, vier Kinder. Volks- und Gewerbeschulbesuch, Bierbrauer, 1914 -1918 Kriegsteilnehmer, 1919 - 1932 Brauer in zwei Karlsruher Brauereien, Oktober 1923 - März 1924 arbeitslos. 1914 - 1923 Mitglied des Brauerei- und Mühlenarbeiterverbandes. Seit 1923 aktiv in völkisch-nationalen Gruppierungen, 1. Januar 1926 Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnr. 24375) und der SA (bis 1930), 1933 Mitglied der NSV, 1935 Mitglied des NS-Fliegerkorps, 1936 Mitglied des RLB, 1927 - 1929 »Bezirksführer« des Bezirks Karlsruhe der NSDAP, 1930 - 1935 Stadtrat, 1930 - 1932 Sektionsleiter der NSDAP Karlsruhe-Südstadt, Sommer 1932 NSDAP-Kreisleiter von Karlsruhe (1. Januar 1933 - Ende 1944 hauptamtlich), 1937 - 1944 Beisitzer beim Volksgerichtshof. 26. April 1945 Verhaftung, 16. Juli 1948 Entscheidung der Spruchkammer des Internierungslagers Ludwigsburg: »Minderbelasteter«, Haftentlassung, 17. Januar 1950 Urteil der Zentralberufungskammer Karlsruhe: »Belasteter«, ab 1949 Tätigkeit als Vertreter, gest. 23. November 1972 in Karlsruhe."

Worch kam glimpflich bei der "Entnazifizierung" davon, weil er Entlastungszeugen angeben konnte und die Spruchkammern in dem von Restauration geprägten Klima des beginnenden Kalten Krieges generell sehr milde Urteile fällten. Dem Gesamturteil des Historikers Manfred Koch in o.g. Beitrag

"Aus der historischen Distanz muß festgehalten werden, daß Willi Worch sich vor 1933 mit seinem Einsatz für die NSDAP als entschiedener Gegner der Demokratie betätigte, mit seiner Bereitschaft zur physischen Gewalt einer ihrer Totengräber auf der lokalen Ebene wurde. Nach 1933 förderte er durch seine Politik als Stadtrat und Kreisleiter massiv den nationalsozialistischen Antisemitismus und funktionierte so in seinem Wirkungsbereich - wie so viele andere - als willfähriger Wegbereiter des Holocausts. Der Versuch, sich in seinem Verfahren unter Hinweis auf die ärztliche Behandlung durch einen Juden 1932/33 und den Kauf von Benzin bei einer Nichtarierin »Alibijuden« zu verschaffen, war ein durchaus gängiges Verhaltensmuster. Es belegt in seiner Unverfrorenheit zugleich aber das Ausmaß der Verdrängung oder der Uneinsichtigkeit in die Verstrickung in das und die Mitverantwortung für das nationalsozialistische Menschheitsverbrechen."

stimmt die VVN-BdA uneingeschränkt zu. Sie wird sich weiter mit den Wurzeln des Neofaschismus auseinandersetzen und fragt: Muss es nicht ein besonderer Reiz für den Neonazi-Enkel sein, wenn er mit seinen Kumpanen - wie schon mehrfach - in der Karlsruher Südstadt marschiert, für die sein Nazi-Großvater bereits vor der Machtübertragung NSDAP-Sektionsleiter war. Fakt ist jedenfalls: Beide haben nichts aus dem faschistischen Menschheitsverbrechen gelernt.

Der an die berüchtigten Nazi-Aufmärsche anknüpfende Neonazi-Fackelmarsch am 3.12.2005 in Karlsruhe und der geplante Aufmarsch am 28.1.2006, der selbsternannten "Märtyrern" gelten sollte, konnten aufgrund gemeinsamer Gegenwehr verhindert werden. Am gleichen Tag durften Neonazis – auch wenn sie nicht sehr weit kamen - in Lüneburg, Dortmund und Stuttgart aufmarschieren. Damit muss endlich Schluss sein. Die VVN-BdA fordert das Bundesverfassungsgericht auf, aus der Geschichte zu lernen und die Genehmigungspraxis zugunsten von Neonazi-Aufmärschen zu beenden.

Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!


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